Moosbierbaumer Dorfblatt'l. Unabhängige Moosbierbaumer Dorfzeitung
Jahrgang 6 • Ausgabe 17 • August 2004

 

Zeitzeuge Alois Stiegler

Herr Alois Stiegler, Jahrgang 1935, Moosbierbaum, damals in Trasdorf bei der Familie Eßbüchl einquartiert, erinnert sich noch sehr gut:

„Beim Durchmarsch der Front Anfang April 1945, war oberhalb des Eßbüchl-Kellers (heute das bekannte Heurigenlokal) eine MG-Stellung der Deutschen. Beim Einmarsch der Russen war noch heftiges MG-Feuer bis in die Ortschaft zu hören. Als dieses verstummte, gingen wir Buben auf Erkundungstour. Die Schützengräben waren verlassen und wir „nahmen“ die Stellung ein. Plötzlich sahen wir aus Moosbierbaum einen Güterzug kommen. Dieser Zug wurde vor unseren Augen von einem russischen, sehr langsam fliegenden Flugzeug unter Feuer genommen. Die Zugsbesatzung wusste offenbar, welche Ladung die etwa 12 - 15 Waggons enthielten und reagierte rasch. Der Lokführer hielt auf offener Strecke an, die Begleitmannschaft legte Bremskeile unter, koppelte die Wagen ab und suchte mit der Dampflokomotive alleine das Weite.

Die Bahnstrecke war damals von Reidling bis Moosbierbaum (und weiter bis Tulln) zweigleisig geführt und vom nördlichen Gleis, auf dem der Zug stand, zweigte auch der Zubringer ins Lager Isabella ab. Bis Ende Mai standen die Waggons dort und laufend „bedienten“ ich alle möglichen Leute an den Waffen und der Munition aus dem Zug.

Eines Tages, Ende Mai, muss jemand die Bremskeile entfernt haben und der Zug begann durch ein heftiges Unwetter mit starkem Westwind Richtung Trasdorf zu rollen. Auch die Weiche ins Heereslager war umgestellt. Jedenfalls begannen die Waggons Richtung Osten zu rollen, erreichten eine beachtliche Geschwindigkeit und donnerten ungebremst in die Reste des Lagers. Obwohl der Zug eine ansehnliche Menge Munition geladen hatte, blieb der große Knall aus. Die im Lager befindlichen Russen rannten herum und riefen: „Sabotasch! Sabotasch!“

Natürlich wurde kein Schuldiger gefunden.“

Auch zu dem Vorfall mit Frau Anna Otzlberger, im Keller der Familie Primer verschüttet, kann uns Herr Stiegler mehr erzählen:

„Auch ich befand mich damals unter den Verschütteten in diesem Keller. Es befanden sich sogar etwa 24 Leute in diesem Keller.

Der Angriff geschah am 6. Februar um etwa halbneun am Abend. Nach dem Fliegeralarm versammelten wir uns im Primer-Keller. Plötzlich gab es einen mächtigen Knall und schon waren wir bis zum Hals verschüttet. Rechts von mir saß ein tschechischer Zwangsarbeiter. Er und auch ich waren bis zum Hals verschüttet. Uns gegenüber saß Frau Hösl. Sie legte sich unmittelbar vor der Detonation auf den Boden und deckte sich mit einem Ledermantel zu. Das war vermutlich ihr Todesurteil, denn sie wurde total zugeschüttet.

Die Überlebenden befreiten sich so gut sie konnten aus dem Erdreich und mussten auf Hilfe von Außen warten. Die Dorfleute erkannten, dass der Keller getroffen war und begannen, uns auszugraben.

Beim Kellereingang war das aber durch das immer wieder nachrutschende Material unmöglich. Daher grub man seitlich einen Hilfsstollen und barg uns nach 36 Stunden aus unserer misslichen Lage. Während der Bergeaktion wurden wir durch das Dampfloch mit Wasser und Luft versorgt. Ernährt haben wir uns von den eingelagerten Futterrüben.
Frau Hösl und ein polnischer Gefangener waren tot, die Brüder Primer waren schwer verletzt und ich war von einem Ziegel des Gewölbes am Kopf getroffen und hatte eine Gehirnerschütterung.“

Nachzutragen wäre noch, dass sich damals die Buben ziemlich frei zwischen den Soldaten bewegen konnten, da die Russen sehr kinderlieb waren!